Eine Einführung in das Thema
von Dr. Ulrike Müller
Was hat Gender Mainstreaming mit der Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen zu tun? Diese Frage wollte der Arbeitskreis Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung in der BAG SELBSTHILFE e.V. mit seinem Bonner Forum am 30. Oktober 2007 beantworten helfen. Schließlich werden auch die Selbsthilfeverbände in der BAG immer häufiger mit dem Begriff und der Anforderung konfrontiert, ihre Angebote an ihre Mitglieder nach Gender- Mainstreaming-Aspekten zu gestalten, wenn sie beispielsweise eine Förderung erhalten wollen. Nun hat unsere Tagung leider nicht stattfinden können. Wir haben aber viele Interessante Informationen zum Thema zusammentragen, die wir Ihnen nun mit Hilfe der Zeitschrift Selbsthilfe nach Hause bringen.
Karin Evers-Meyer, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, fordert in ihrem Beitrag, dass eine geschlechtersensible Sichtweise selbstverständlicher Teil des Arbeitsalltags in den Ministerien werden soll. Prof. Dr. Ulrike Schildmann von der Universität Dortmund entwickelt in ihrem Beitrag eine Doppelstrategie aus Gender Mainstreaming und Disability Mainstreaming, um zu größerer Klarheit im Verhältnis zwischen Behinderung und Geschlecht beizutragen. Prof. Dr. Bernhard Borgetto von der HAWK Fachhochschule Hildesheim und Nicole Kolba vom Institut für gesundheits- und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung setzten sich in ihrem Beitrag mit der Genderperspektive in der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe auseinander.
Der Begriff gender stammt aus dem Englischen und bezeichnet heute im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (sex) das soziale Geschlecht, das sich in den Geschlechterrollen niederschlägt. Die Geschlechterforschung geht davon aus, dass es gesellschaftlich konstruiert und somit veränderbar ist.
Bei uns ist Gender Mainstreaming eine Strategie in der Gleichstellungspolitik der Geschlechter. Mainstream bedeutet „Hauptstrom" und bezeichnet in diesem Fall den gesellschaftlichen Alltag. Gender Mainstreaming bedeutet praktisch, dass bei gesellschaftlichen Vorhaben oder in Institutionen und Organisationen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und selbstverständlich berücksichtigt werden müssen. Ziel ist, dass keine der beiden Gruppen benachteiligt und vorhandene Potentiale beider Gruppen gefördert werden. Das bedeutet Geschlechtergerechtigkeit!!!
Auf der Vierten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1995 in Peking. kam der Anstoß zur Einführung der Gender Mainstreaming-Strategie. Die Pekinger Aktionsplattform „Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden" forderte Regierungen und andere Entscheidungstragende auf, geschlechterspezifische Belange in die Konzeption aller Politiken und Programme einzubeziehen.
Diesem politischen Appell hat die Europäische Union mit dem Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrages am 1. Mai 1999 Rechnung getragen. Die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern ist nach Artikel 2 und Artikel 3 Absatz 2 des EG-Vertrages verpflichtende Aufgabe bei allen Tätigkeiten der Gemeinschaft im Sinne der Gender Mainstreaming-Strategie.
Es geht also nicht darum, ob wir Gender Mainstreaming gut finden oder nicht, sondern wir haben den Auftrag zur Realisierung!
Das Thema Gender Mainstreaming findet im „Kommentierten Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik" seine Berücksichtigung.
Dort steht unter anderem,
Mit dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe der Selbsthilfe wollen wir Sie gewinnen, sich auf das Thema Gender Mainstreaming einzulassen, wir wollen Sie sensibilisieren und anregen, ihre Arbeit zu überprüfen und Gender Mainstreaming Angebote an ihre Mitglieder zu machen.
In der Umsetzung dieser Angebote wird es zumindest um zwei Ebenen gehen, einerseits um die fachliche und pädagogische und andererseits um die personelle und organisatorische. Es wird darum gehen, sind wir überhaupt in der Lage Gender Mainstreaming Angebote zu machen, die dann auch noch auf die ganz spezifischen Bedürfnisse sehr unterschiedlich behinderter Menschen passen. Das heißt, sie müssen Menschen mit so genannter geistiger Behinderung gerecht werden, sie müssen auf Menschen mit psychischer Behinderung passen. Es müssen körperbehinderte Menschen, chronisch kranke und sinnesbehinderte Menschen, Männer und Frauen, berücksichtigt sein.
Vielleicht ist Gender Mainstreaming ein Baustein auf dem Weg, neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die Arbeit in der Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen zu finden.
Seit Herbst 1994 gibt es in der BAG SELBSTHILFE den Arbeitskreis Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung (AK Frauen). Derzeit sind im AK Frauen die drei Vorstandsmitglieder Verena Gotzes (Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V.), Marion Rink (Deutsche Rheuma-Liga e.V.) und Angela Staub (Landesvereinigung Selbsthilfe e.V. im Saarland) vertreten. Außerdem arbeiten Christine Karches (Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.), Ingrid Laux (Deutsche Morbus Crohn collitis ulcerosa Vereinigung e. V., Dr. Ulrike Müller (Deutsche Rheuma-Liga e.V.) und Uschi Müller (Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e.V.) im Arbeitskreis Frauen mit. Die Geschäftsstelle der BAG SELBSTHILFE ist durch Elisabeth Fischer vertreten.
Ziele des AK Frauen sind die Gleichstellung, Chancengleichheit und selbstbestimmte Teilhabe behinderter und chronisch kranker Frauen in allen Lebensbereichen, in Arbeit, Bildung, Familie, Gesellschaft, Kultur und Politik. Neben der Möglichkeit, sich für den eigenen Verband innerhalb der BAG SELBSTHILFE für die Belange von behinderten und chronisch kranken Frauen politisch zu engagieren, bietet der AK Frauen auch die Gelegenheit, sich über die oftmals schwierige Einzelkämpferinnenarbeit vor Ort auszutauschen und Anregungen und Kraft für die weitere Arbeit zu schöpfen.
Der AK Frauen trifft sich in der Regel dreimal im Jahr und bietet - wenn möglich - einmal im Jahr in Kooperation mit der Akademie Frankenwarte oder der Unterstützung des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend oder des Bundesgesundheitsministeriums ein Frauenseminar oder eine Tagung an. Einige der bisherigen Seminarthemen: „Frauen mit Behinderung - ohne Arbeit - ohne Achtung", Frauensache Ehrenamt", „Unbeschreiblich weiblich - Liebe und Sexualität", „Produktiv streiten - gewinnend verhandeln", „Frauenstrategien gegen Ausgrenzung", „Wohin steuert die Gesundheitspolitik?" oder „Wie gestalten Frauen Politik". fis
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