Moving 4ward - 40 Kinder und Jugendliche beim Tanzprojekt im Tanzhaus NRW

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Kunst&Kultur

„Moving 4ward" - 40 Kinder und Jugendliche beim Tanzprojekt im Tanzhaus NRW

Jede Bewegung ist Tanz

von Tino Hermanns

Zögernd, scheinbar unsicher, ja ängstlich betritt das schmächtige, elfengleiche Wesen mit verhaltenen, zaudernden kleinen Schritten die Bühne. Zärtlich umfließt das weiße Gewand die zerbrechliche wirkende Gestalt. Die helle, geisterhafte Erscheinung im Scheinwerferlicht hebt sich scharf vom matt-schwarzen Hintergrund ab. Fragil und zerbrechlich steht der behinderte Mensch in der Mitte der übergroßen Bühne. Aber als die Musik einsetzt verändert sich spontan die Szenerie. Mutig, in großen raumgreifenden Schritten durchmisst die Tänzerin das Theater. Urplötzlich ist von ihrer Behinderung nichts mehr zu spüren. Selbstbewusst und selbstverständlich verwandelt sie sich vor den Augen des Publikums von einem unsicheren, von Selbstzweifeln zerfressenen Menschen zur dynamischen, sicheren, scheinbar alle Probleme beherrschenden Persönlichkeit. Der Tanz hat ihren Charakter völlig verändert.

„Die Projekte - soweit ich das nach 30 Jahren Erfahrung sehe - verändern Leben, eindeutig", meint Royston Maldoom. „Das bezeugen Menschen aus vielen Jahren Arbeit. Ich habe sie beobachtet und die Lebensänderung bei jedem dieser Kinder nach drei Wochen gesehen." Maldoom, 64-Jähriger Choreograph, war der künstlerische Leiter des Düsseldorfer Tanzprojektes „Moving 4ward", einem Tanztheater von Schülern Düsseldorfer Förderschulen. Über 40 behinderte Kinder und Jugendliche, vom Rollstuhlfahrer über geistig Behinderte, Gehörlose bis hin zu mehrfach Behinderten, vereinte Maldoom zusammen mit professionellen Tänzern im Tanzhaus NRW zu einer stimmungsvoll-traumhaften Darbietung. Das Tanzprojekt eint Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und ProfitänzerInnen

Dabei musste natürlich auf die jeweiligen Beeinträchtigung Rücksicht genommen werden. Beispielsweise wurde für den Part für die Gehörlosen Musik ausgewählt, die körperlich spürbar ist. Viel Percussion, viel Trommeln und Kongas, also Instrumente, die man mit dem Bauch hören kann, zauberten einen in eine akustische afrikanische Traumwelt. Optisch boten die kleinen Tänzer dazu die rhythmischen Bewegungen von Vögeln, Elefanten oder Schlangen. Zu tanzen, machte ihnen sichtlich Spaß. „Man sieht es in ihren Augen, man sieht es auf der Bühne, man sieht es an der Art, wie sie sich fühlen, und wenn weitere Gelegenheiten kommen, ist es unwichtig, ob sie wieder tanzen, darum geht es mir nicht. Mein Anliegen ist, dass sie ein Gefühl bekommen, etwas Wert und wertvoll zu sein, und dass sie fühlen: 'Wir haben etwas geschafft, von dem niemand gedacht hätte, dass wir es schaffen können, auch wir selbst nicht'. Wenn sich uns also die nächste Herausforderung stellt werden wir nicht nachlassen. Wir können sagen: Ja, ich kann einer Herausforderung begegnen", erläutert Maldoom seine Philosophie.

Mit seinen Projekten beweist Maldoom nach wie vor, dass Tanz die Menschen vereint. Maldoom arbeitete nicht nur mit Behinderten sondern auch mit jungen Strafgefangenen, mit äthiopischen Straßenkindern, mit Kindern überall auf der Welt. „You can change your life in a dance class", lautet Royston Maldooms Motto: Tanz kann dein Leben verändern. Bei Maldoom selbst hat es funktioniert: Er kam erst als 20-Jähriger zum Tanz und ist inzwischen ein charismatischer Kämpfer für die aus seiner Sicht vernachlässigte Kunstsparte. „Tanz gibt Menschen überall auf der Welt Selbstbewusstsein, man muss sie nur damit in Kontakt bringen", sagt er.
Und auch in Düsseldorf hat es funktioniert. Bestes Beispiel ist Ilja. „Ich würde gern mit meinen Füßen tanzen - wenn ich könnte", sagte der Rollstuhlfahrer vor der Unterrichtseinheit „Tanz". Schon während der Arbeit an „Moving 4ward" wusste Ilja, dass er tanzen kann. „Ich erinnere mich daran, was jemand zu mir gesagt hat. Every move is a dance and every motion is a dance! Also kann ich auch in meinem Rollstuhl tanzen." Und wie, das war beeindruckend.

Royston Maldoom engagiert sich weltweit und ist fasziniert davon, mit Menschen unter verschiedensten Voraussetzung zu arbeiten, d.h. mit Problem- und Straßenkindern, Behinderten, Gefangenen, mit Menschen in Kriegs- und Krisengebieten, und ihnen dabei die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu entdecken, ihre Leidenschaften und ihr Können. Er ist davon überzeugt, dass Kunst Leben und Gesellschaften verändert und gegenseitiges Verständnis und Zusammenleben unterstützen und fördern kann.

Sein Verständnis von Community Dance ist, Tanz mit jedermann jederzeit („dance with anyone at any time") - unabhängig von Talent und Erfahrung, Alter und Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit oder sozialer Herkunft. Diese Unterschiedlichkeiten zusammen zu führen, ist die Hauptmotivation von Community Dance. Dabei steht die soziale Komponente gleichberechtigt neben der künstlerischen: Die Arbeit mit unterschiedlichsten Menschen bedeutet für Royston Maldoom eine Bereicherung für den Tanz als Kunstform. Aus der Zusammenarbeit von Menschen verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft, Begabung oder Körperlichkeit, können sich neue Ausdrucksformen entwickeln. So verfügen behinderte Menschen über ein anderes Bewegungspotential, Tänzer aus unterschiedlichen Kulturen bringen unterschiedliche Aspekte in den Tanz ein. Maldoom verfolgt seine Arbeit dabei ausdrücklich als Künstler. Entscheidend ist für ihn die Begeisterung für die Kunstform Tanz, auch wenn vielfältige Qualitäten darüber hinaus in der Arbeit zum Tragen kommen.

Zauberhafte Bilder auf der Düsseldorfer TanuzhausbühneSeine Begeisterung, seine Leidenschaft, aber auch seine Detailverliebtheit und seinen Perfektionismus brachte Maldoom den Schülern der Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung, der Rheinischen Förderschule Hören und Kommunikation und der Städtischen Förderschule Geistige Entwicklung mit. Maldoom achtete trotz der Behinderungen auf strenge Disziplin, auf korrekte und punktgenaue Ausführungen der verschiedenen Bewegungsformen. Nur so greifen die einzelnen Tanzpartien wie ein Uhrwerk perfekt ineinander, nur so entfaltet die Choreographie ihre geballte Wirkung auf Akteure und Zuschauer. Ein Fehler zieht unweigerlich weitere Unstimmigkeiten nach sich. Maldoom und die ihn unterstützenden Choreographen wie Sabine Simon, Misal Lopez oder Andreas Simon formten aus verschiedenen Musikrichtungen mit den unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten der behinderten Kinder und Jugendlichen ein überraschend vielgestaltiges, beeindruckend ideenreiches und anrührendes Stück Tanzkunst.

Die Schüler, deren Eltern und Geschwister waren von der Leidenschaft Maldooms beeindruckt. Nur wer Leidenschaft für das empfindet was er tut, kann unterrichten meint der gebürtige Londoner. „Viele junge Leute verlassen die Schule und hassen diese Art von Musik und Poesie, die man ihnen vermittelt hat. Es geht also darum, wie wir vermitteln. Ich denke, wir sollten darüber nachdenken, wie man Leidenschaft teilen kann. Wir müssen das Lernen leidenschaftlich machen. Wir müssen es zu einem Teil des Lebens machen", so Maldoom. Den Düsseldorfer Schülern hat seine Leidenschaft, die in einem begrenzten Zeitraum zu der ihren geworden ist, eine neue Welt erschlossen, von der sie zuvor nicht wussten, dass sie sie beherrschen können. Leidenschaft kann Berge versetzen.