Annette Jablonski: „Mit dem Malen kann ich herausfinden, wer ich bin“

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Annette Jablonski: „Mit dem Malen kann ich herausfinden, wer ich bin“

von Tino Hermanns

„Spastik bleib’ ruhig, ich will weiter malen.“ Annette Jablonski wünscht sich aus vollem Herzen, ja, fast betet sie darum, dass sie das Bügeleisen weiter kontrolliert bewegen kann, um so ein Bild nach ihren Vorstellungen, ihrer Inspiration fertig zu stellen. Noch immer hat sie etwas Angst, dass die willentlich nicht zu beherrschende Verkrampfung, ihr Werk zerstört. Doch die Erfahrung lehrt: Wenn Sie malt, ist die Spastik fast weg. So entstehen farbenfrohe, offensichtlich lebensbejahende, vielschichtige, die Phantasie anregende und tiefsinnige Bilder in der Wachsmaltechnik.

Ein Portätfoto von Annette Jablonski

Nicht immer kann sich die Düsseldorferin hinsetzen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. „Ich muss es fühlen, es muss von Herzen kommen“, erzählt sie. Manchmal kommt sie abends aus der Werkstatt für angepasste Arbeit nach Hause und sagt: „Ich will malen.“ Aber es funktioniert dann nicht. Manchmal überkommt es sie einfach. Dann macht sie ihre Zimmertüre zu, will nicht gestört werden, und beginnt, die Welt um sie herum vergessen, den kreativen Prozess. Wenn Sie malt, hört sie zur Unterstützung des schöpferischen Aktes indianisch angehauchte Chill-out-Musik.

„Ich habe mir überlegt: Wie könnten mich Leute verstehen? Ich kann mich nicht gut unterhalten. Deshalb male ich nun, was ich fühle und kann gleichzeitig die Vergangenheit auf diese Weise verarbeiten. Vor allen in den letzten Jahren hat die Kunst dazu beigetragen, dass ich über mich nachdenke, mir Gedanken über mein Leben, meine Mitmenschen und meine Gefühle mache. Früher habe ich solche Gefühle lieber verdrängt.“

Sonst ist das eigentlich gar nicht ihr Musik-Geschmack. Im Alltag mag sie härtere Sachen, hört die australischen Hard-Rocker AC/DC, Skunk Anansie oder HIM. Auch das ist eine Eigenheit, die sie inzwischen offensiv vertritt. Noch vor wenigen Jahren, war das anders. „Da saß ich in meinem Rollstuhl und fühlte mich wie der letzte Dreck“, erinnert sich die 28-Jährige.

Geboren wurde sie als gesundes Mädchen im ostpreußischen Allenstein. Sie entwickelte sich völlig normal, begann zu krabbeln, konnte sitzen und stehen. Mit acht Monaten bekam sie Fieber. Der Hausarzt meinte, dass es nur eine leichte Erkältung sei, die vorüber ginge. Als das Fieber auf über 40 grad anstieg, brachte Mutter Elisabeth Jablonski ihre Tochter in ein Krankenhaus. „Bei den ganzen Untersuchungen wurde aber kein Grund für das Fieber gefunden“, erinnert sich die Mutter. Ein Arzt hatte Angst, dass es sich um eine Hirnhautentzündung handeln könne. Er wollte auf Nummer sicher gehen und entnahm Gehirnflüssigkeit. „Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten, warum Annette an Cerebralparese leidet. Es kann entweder durch das Fieber gekommen sein, oder durch die unsachgemäße Entnahme der Hirnflüssigkeit“, so Elisabeth Jablonski. „Ich habe ein Baby ins Krankenhaus gebracht und eine Puppe wieder abgeholt.“ Damals gab es in Polen kaum Hilfen, an Therapien war nicht zu denken. Die ersten Hilfsmittel für ihre Tochter hatten die Jablonskis noch selbst gebaut.

1988 siedelte die Familie nach Neuss über. Ihre Familie und die Schwiegermutter waren schon lange im Westen Deutschlands beheimatet. Im Rheinland begannen die Therapiemaßnahmen für Annette. In Düsseldorf besuchte sie die Rheinische Schule für Körperbehinderte. 1992 dann, sah Mutter Jablonski im Fernsehen eine Sendung über den ukrainischen Arzt Dr. Kozijavski. Er hatte eine eigene Methode entwickelt, ein System der intensiven neurophysiologischen Rehabilitation von Zerebralparetikern. Die Familie aus Neuss entschloss sich die Koffer zu packen, ihre Tochter zu schnappen, 4000 Mark für die Behandlung mitzunehmen und in die Ukraine zu fahren. „Hier in Deutschland haben uns alle Ärzte abgeraten. Orthopäden, Neurologen und unser Hausarzt haben gesagt, nehmen sie das Geld und machen einen schönen Urlaub davon. Wir sind aber gegen den Rat der Mediziner dennoch gefahren“, erzählt Elisabeth Jablonski. Dabei lächelt sie, weil sich die Reise als Erfolg für ihre Tochter herausstellte. Bis zur Behandlung durch Dr. Kozijavski war beispielsweise Annettes rechte Hand immer zur Faust geballt. Schon nach drei Stunden Therapie beim osteuropäischen Arzt öffnete sich die Hand. „Als wir zurückkamen konnten es die hiesigen Ärzte nicht glauben. Sie sprachen davon, dass sie ein anderes Kind vor sich hätten, so groß war Annettes Fortschritt“, freut sich die Mutter noch heute. Seitdem waren sie fast jedes Jahr in der Ukraine. Krankengymnastik und die intensive und liebevolle Betreuung im Elternhaus taten ihr übriges. Inzwischen kann Annette auf eine Gehhilfe gestützt alleine stehen, manchmal sind sogar wenige wackelige Schritte möglich.

Körperlich machte Annette Jablonski große Fortschritte, nur ihre Psyche hielt nicht Schritt. Bis sie in Düsseldorf zur Frauenberatungsstelle kam. „Da hat man mir ordentlich den Kopf gewaschen. Man hat mir klar gemacht, dass ich viel im Leben erreichen kann“, erläutert Annette. Plötzlich wurde ihr selbst klar, dass sie eine Kämpferin ist, dass ihr ungeahnte Möglichkeiten offen stehen. Ihr wurde bewusst, dass sie Ziele hat, die sie erreichen kann. Und, nachdem sie in einer Therapieklinik während einer Kur die Wachsmaltechnik kennen gelernt hatte, hatte sie ihre „Sprache“ gefunden. So entstanden Bilder, „die schon lange in mir waren.“ Durchs Malen ist sie offener geworden, selbstbewusster, hat den Mut gefunden sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Die Schüchternheit ist passé“, freut sie sich.

„Vor allem in den letzten Jahren hat die Kunst dazu beigetragen, dass ich über mich nachdenke, mir Gedanken über mein Leben, meine Mitmenschen und meine Gefühle mache. Früher habe ich solche Dinge lieber verdrängt. Mein Kopf ist meine größte Mauer, er sagt mir: Ich schaffe es nicht. Das ist mein Problem. Durch Erlebnisse in meiner Kindheit redet mir mein Kopf manchmal ein, dass ich nichts wert bin. Früher versuchte ich häufig, meine Probleme zu überspielen. Heutzutage beschäftige ich mich mit meinen Problemen, ich arbeite daran. Weglaufen ist keine Lösung!“

Der Beweis: Vor drei Jahren hatte sie ihre erste Ausstellung in Solingen, weitere folgten, unter anderem in Rotterdam. Zurzeit bereitet die Künstlerin wieder eine Ausstellung vor. Diesmal beim Netzwerk „Frauen und Mädchen mit Behinderung in NRW“ in Münster (11. November 2006). Ihren beeindruckendsten Erfolg als Malerin feierte sie in Rotterdam. Da kam ein niederländischer Künstler mit den Worten „So etwas habe ich schon lange gesucht“ auf sie zu und kaufte eines ihrer Bilder. Sowieso ist sie mit ihrer Kunst eigentlich erfolgreicher als Vincent van Gogh zu seinen Lebzeiten. Der Wegbereiter der modernen Malerei soll nur ein Bild verkauft haben. Diese Schwelle hat Annette Jablonski längst überschritten. Je nach Größe und Arbeitsaufwand werden für ein Jablonski-Werk zwischen 40 und 120 Euro fällig. Doch noch immer steckt sie mehr Geld in die Anschaffung von Materialien, als sie für ihre Bilder erhält. Aber das ist ihr nicht wichtig. „Ich möchte mit meiner Kunst erreichen, dass es auch andere Rollstuhlfahrer schaffen und mitmachen. Sie sollen sich nicht immer unter der Decke verkriechen. Sie sollen etwas schaffen. Das ist auch der Grund, warum ich male“, erläutert sie.

Nicht immer sind ihre Werke schön, harmonisch, farblich aufeinander abgestimmt. Manchmal brechen sich auch „Horrorbilder“ aus ihrem Inneren bahn. Damit schreit sie ihren Ärger, ihren Frust in die Welt hinaus. Sie kann das, die meisten anderen, ob behindert oder nichtbehindert, können das nicht.

Zum Vorbild für Behinderte hat es Annette Jablonski auf jeden Fall geschafft. Selbstbewusst geht sie durchs Leben, auf Konzerte, in Discos und auf die größte Kirmes am Rhein in Düsseldorf. Sie chattet im Internet, hat Kontakte nach England und in die USA. Trifft sich mit Freunden und hilft anderen Behinderten. Unter anderem organisierte sie im Netzwerk einen Selbstverteidigungskurs. Am 1. Oktober zieht sie aus der Wohnung ihrer Eltern aus.