Im Kölner Domforum stellte sich im Januar der „Pflege-Selbsthilfeverband“ vor. Die Vereinigung will für eine menschenwürdige Altenpflege eintreten. Pflegekräften, Pflegebedürftigen und Angehörigen soll geholfen werden, sich gegen Missstände zu wehren.
„Hilfe, wir können nicht mehr! Heute erfuhren wir, dass wir noch zwei Stellen an Mitarbeitern zuviel hätten! Die Arbeit ist so schon kaum zu schaffen.“ Seit Wochen erreichen solche Hilferufe den „Pflege-Selbsthilfeverband e.V.“ (Pflege-Shv). Rund 50 Kranken- und Altenpflegekräfte, Sozialpädagogen, Therapeuten und Anwälte haben sich hier zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie für eine menschenwürdige Pflege kämpfen. Ein bundesweites Netzwerk soll entstehen.
„Was nützen die schönsten Leitbilder, wenn sie in den Einrichtungen nicht umgesetzt werden?“, fragte Adelheid von Stösser beim „Talk“ im Domforum. Es fehle nicht an Studien und Modellversuchen, sondern an konkreten Veränderungen, sagte die Vereinsvorsitzende. Das Podiumsgespräch über „Menschenwürdige Pflege - zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ fand so große Resonanz, dass noch am selben Abend ein Folgetermin vereinbart wurde.
Termin
Kölner Domforum, 27. April 2006, 17 Uhr
Wie finde ich ein wirklich gutes Heim? Wohin kann ich mich mit Beschwerden wenden? Wie schütze ich mich vor Misshandlung und Entmündigung? Talk mit dem Pflege-Shv und Heimträgern, Domkloster 2-4 (Telefon 02 21/ 92 58 47-20)
Was Heimträger gerne als bedauerlichen Einzelfall oder Sensationsmache herunterspielen, beschreiben die kritischen Insider als „flächendeckendes Problem“ der stationären Altenpflege: unzureichende Ernährung und Flüssigkeitsaufnahme der Bewohner, Druckgeschwüre bei Bettlägerigen, medikamentöses Ruhigstellen, Windeln und Katheder Legen, um Zeit für Toilettengänge zu sparen, Tag-und-Nacht-Rhythmen, die von institutionellen Abläufen diktiert sind, unkorrekte Dokumentationen, Abwimmeln von Beschwerden bis zum Hausverbot. Zu selten würden Qualitätskonzepte wie Bezugspflege, aktivierende Pflege, psychosoziale Betreuung oder rehabilitative Maßnahmen praktiziert.
Gerade hochmotivierte Pflegekräfte wanderten unter diesen Umständen ab, berichtete von Stösser. Andere würden sich dem Druck notgedrungen beugen oder sich im Mangel einrichten – teils im Glauben, in der Altenpflege könne es nur so zugehen. Neben sozialpolitischer Interessenvertretung, Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsberatung will der Verband daher auch Fortbildungsseminare anbieten, um die Pflegequalität fördern.
„Man kann bei den Heimen nicht von schwarzen Schafen sprechen, sondern umgekehrt gibt es wenige ‚weiße Schafe’, die es richtig machen“, sagte Markus Breitscheidel, Mitstreiter auf dem Podium. Im Raum war es mucksmäuschenstill, als der 37-jährige Wirtschaftswissenschaftler seine Eindrücke als Pflegehelfer in fünf Heimen schilderte. Vier davon hatten den Titel seines 2005 erschienenen Buchs „Abgezockt und totgepflegt“ geprägt. Hunderte von Angestellten in Heimen haben ihm seitdem in Briefen ihr Herz ausgeschüttet. Breitscheidel prangerte eine ausschließlich gewinnorientierte Altenpflege als unmenschlich an.
„Es heißt oft, wir machen das Personal schlecht, aber dreiviertel unserer Informanten sind Pflegekräfte. Sie rufen zum Teil heimlich an, in der Nachtschicht“, bestätigte der Sozialpädagoge Claus Fussek. Der prominente Pflegekritiker ist Mitgründer des Pflege-Shv. Seit vielen Jahren schon macht er sich öffentlich für einen würdevollen Umgang mit Hilfebedürftigen stark. In seiner 2005 erschienenen Kampfschrift „Alt und abgeschoben“ beschrieb er Missstände, die Altenheime zum Teil als nahezu „rechtsfreie Räume“ erscheinen lassen.
Bei diesen „Brennpunktthemen“ will der Selbsthilfeverband ansetzen:
Personalnot
Chronisch unterbesetzte Stationen gehen zwangsläufig zu Lasten der Qualität und damit der Lebensbedingungen alter Menschen. Der vorgeschriebene Fachkräfteanteil von 50 Prozent wird in vielen Einrichtungen ebenso wenig erreicht wie die von den Pflegekassen angesetzten Betreuungszeiten. Beispiel aus dem Schreiben einer Wohnbereichsleiterin: „Dass wir die Bewohner in Rekordzeiten von nicht einmal 10 Minuten bei Pflegestufe 3 grundpflegen, interessiert niemanden“. Der Verband will daher „alle Register ziehen, um eine mindestens 20%ige Erhöhung des Personalschlüssels zu erreichen“.
Personalberechnung
Wieviel Personal müsste auf dieser Station eigentlich arbeiten? Auch Pflegekräfte können das nicht ohne weiteres beziffern. Hier will der Verein einfache Berechnungsformeln entwickeln. Als ersten Anhaltspunkt schlug von Stösser vor, die Zeiten, welche die Pflegekassen je nach Pflegestufe pro Bewohner ansetzen, mit den Mitarbeiterstunden zu vergleichen. (siehe www.pflege-shv.de >Themen >Personalberechnung)
Gute Pflege soll sich lohnen
Wird gewinnorientiert gedacht, bietet die Pflegeversicherung keinen Anreiz für rehabilitierende Maßnahmen. Denn je pflegebedürftiger ein Bewohner eingestuft ist, desto höher das Pflegegeld: „Hochschreiben“ führt zu höheren Einnahmen, bei gebesserter Gesundheit sinken diese. Der Verband will daher für eine neue Bemessung in der Pflegeversicherung kämpfen.
Qualitätssicherung
„Unangemeldete Kontrollen wie in der Gastronomie“ heißt hier die Forderung. Bisher sind die Besuche der Heimaufsicht angemeldet. An die Pflegekräfte wurde appelliert, bei Kontrollen und Politikerbesuchen nichts zu schönen und „das Maul aufzumachen“. Ein weiteres Ziel ist ein abgestuftes Qualitätsraster für Heime.
Die „weißen Schafe“ sollen als Vorbilder dienen. Gute Pflege sei bezahlbar, sagen die Selbsthilfeinitiatoren. Schon gesunder Menschenverstand könne einiges bewirken. Als Beispiel nannte Fussek ein Heim, in dem ein Kicker im Flur stehe - Mosaiksteinchen einer kreativen Angehörigenarbeit, denn so kommen die Enkel lieber zu Besuch. Wer vor den Zuständen die Augen verschließe, mache sich mitschuldig. „„Wir alle sind verantwortlich“, betonte der Sozialpädagoge. Insgesamt wird eine Umverteilung der Mittel zugunsten ambulanter Betreuung und neuer Wohnformen angestrebt.
Die Autorin: Leonie von Manteuffel ist Fachjournalistin aus Köln.
Kontakt & Information:
Pflege-Selbsthilfeverband, Am Ginsterhahn 16, 53562 St. Katharinen
info@pflege-shv.de, www. pflege-shv.de
www.bmfsfj.de >aeltere Menschen >Hilfe und Pflege >Charta
„Runder Tisch Pflege“, Arbeitsgruppe IV, September 2005
Jeder hilfe- und pflegebedürfige Mensch hat das Recht (,)
Artikel 1
... auf Hilfe zur Selbsthilfe und auf Unterstützung, um ein möglichst selbstbestimmtes und selbständiges Leben führen zu können
Artikel 2
... vor Gefahren für Leib und Seele geschützt zu werden
Artikel 3
... auf Wahrung und Schutz seiner Privat- und Intimsphäre
Artikel 4
... auf eine an seinem persönlichen Bedarf ausgerichtete, gesundheitsfördernde und qualifizierte Pflege, Betreuung und Behandlung
Artikel 5
... auf umfassende Informationen über Möglichkeiten und Angebote der Beratung, der Hilfe und Pflege sowie der Behandlung
Artikel 6
... auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
Artikel 7
... seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben
Artikel 8
... in Würde zu sterben
Aus der Kommentierung:
„Sie haben das Recht, vor körperlicher Gewalt wie beispielsweise Festhalten und Festbinden, Schlagen, Verletzen (...) geschützt zu werden (...). Auch Vernachlässigungen (...) stellen Formen von Gewalt dar. Konkret heißt das beispielweise, dass Ihnen die erforderliche Hilfe rechtzeitig zukommen muss, dass man Sie nicht unzumutbar lange warten lässt, wenn Sie Hunger oder Durst haben, aufstehen oder sich hinlegen möchten und wenn Sie Ihre Ausscheidungen verrichten müssen. Ebenso betrifft dies den Schutz vor Wundliegen und vor Versteifung der Gelenke (...)“
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